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Vortrag Lönhoff Freitag
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<!doctype html PUBLIC "-//IETF//DTD HTML//EN"> <HTML> <!-- HTML generated by Interleaf 7 --> <title>J. Loenhoff: "Zur Genese des Modells der f�nne"</title> <BODY BGCOLOR=#ffffff> <P>"What is more obvious than the five senses?<BR> This is precisely the danger point where the<BR> very first step of <I>epoch�I> could founder." </P> <P>Don Ihde<BR> <I>Listening and Voice</I><BR> </P> <h1 ALIGN="CENTER"><B>Zur Genese des Modells der f�nne</B></h1> <h2 ALIGN="CENTER">Jens Loenhoff</h2> <h3 ALIGN="CENTER">Universit�GH Essen<BR> FB 3 - Kommunikationswissenschaft -<BR> Universit�str. 12<BR> D-45117 Essen<BR> <a href="http://www.uni-essen.de/kowi">http://www.uni-essen.de/kowi</a> </h3> <p> <br> <br> <P ALIGN="JUSTIFY"><A HREF="#jls1">1. Die f�nne als "Uridee"</A><br> <A HREF="#jls2">2. Was ist ein Modell der Sinne? </a><br> <A HREF="#jls3">3. Zur vorbegrifflichen Konstruktion der Sinne</a><br> <A HREF="#jls4">4. Die Genese des Modells der f�nne </a><br> <A HREF="#jls5">5. Die Funktion der sensorischen Semantik </a><br> <A href="#jls6">6. Zusammenfassung </a><br> <a href="#jls7">7. Literatur </a><br> </P> <p> <br> <br> <H2 ALIGN="LEFT">Abstract</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Die Strukturierung vorbegrifflicher Erfahrung orientiert sich prim�an einer organologischen, f�eilten und damit zugleich isolationistischen Betrachtungsweise der Sinne. F� Reflexion des Wahrnehmungsgeschehens in wissenschaftlichen wie philosophischen Sinnesdiskursen gilt im Wesentlichen das Gleiche. Im Gegensatz zu naturalistischen Erkl�ngen versuchen die hier skizzierten �erlegungen die Gense einer solchen Sinnessemantik aus funktionalen Bedingungen von Verhaltenskoordination und Prozessen interaktiver und kommunikativer Probleml�g zu rekonstruieren. </P> <P ALIGN="JUSTIFY">Pre-reflexive experience is primarily formed by a five-part, organological, and isolationistic view of the senses. Scientific and philosophical discourses also consider the senses as five bodily organs. In contrast to naturalistic and evolutionary explanations the article tries to reconstruct the genesis of the semantics of the five senses as based on the functional conditions of the coordination of behavior and the recoursive structure of the process of interaction and communication. </P> <p> <br> <br> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls1" ID="jls1">1.</A> Die f�nne als "Uridee"</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Ursprungsvorstellungen oder letzte Einheiten sind stets das Ergebnis eines historischen Prozesses. Sie markieren Grenzen der Reflexion, die zumeist in der Insuffizienz der Erkenntnismittel, vor allem aber in alltagsweltlichen Ordnungsschemata begr�sind. Ein solcher Proze�kann gleichwohl rekonstruktiven Bem�n unterzogen werden mit dem Ziel der vorl�igen Aufl�g solcher Letztelemente in Konstellationen von Problemen und Probleml�gsversuchen. Bei unserer nahezu unhintergehbaren Gewi�eit von der Existenz von f�nnen, denen jeweils bestimmte Organe und spezifische Leistungen zugeschrieben werden, handelt es sich ganz offensichtlich um eine solche Ursprungsvorstellung. Die Pr�lenz einer organologischen, f�eilten und damit zugleich isolationistischen Betrachtungsweise der Sinne findet sich indessen nicht nur in der Sph� vorbegrifflicher Erfahrung, sondern auch in entsprechenden wissenschaftlich-diskursiven Formen. Insofern erinnert sie auch an das, was Ludwik Fleck in seinem Buch <I>Entstehung und Entdeckung einer wissenschaftlichen Tatsache</I> als "Uridee" ausgezeichnet hat, einer Verbindung n�ich zwischen wissenschaftlich bew�ten Tatsachen "[...] mit vorwissenschaftlichen, mehr oder weniger unklaren verwandten Urideen (Pr�een), ohne da�inhaltlich dieser Zusammenhang legitimiert werden k�e." (1993:35). <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Will man sich nicht voreilig naturalistischen und reduktionistischen Positionen anschlie�n, ist aus einer erkenntniskritischen Perspektive die nahezu universale Verbreitung und die Stabilit�des Modells der f�nne ein durchaus erkl�ngsbed�er Befund. Umso erstaunlicher ist es deshalb, da�Konstitutionsanalysen, Beschreibungen prim�n Orientierungsverhaltens oder Bestimmungen der Strukturen der Lebenswelt der Frage nach der Genese der Beschreibung des Sensomotorischen als f�eilt und organspezifiziert weniger nachgegangen sind, sondern diese selbst im Kontext einer Soziologie der Sinne eher fundamentalisiert haben. Noch Husserl begn�ich schlie�ich mit folgender Definition: </P> <blockquote><font face="arial, helvetica, verdana">"Sinnlichkeit in einem engeren Sinne bezeichnet das ph�menologische Residuum des in der normalen �eren Wahrnehmung durch die `Sinne' Vermittelten." (1950:209). </font></blockquote> <P ALIGN="JUSTIFY">Philosophischen und sozialwissenschaftlichen Reflexionen war und ist denn auch die Existenz von f�nnesorganen ebenso gewi�wie dem vorbegrifflichen Alltagsbewu�sein, ihre Entwicklung im Zweifelsfall eine Sache der Evolution und ihre soziale und historische Varianz nicht weiter problematisierungsbed�. Naturalistische Erkl�ngen beziehen sich ausschlie�ich auf die Humangenese mit dem Argument, die f�nne richteten sich, darin gattungsgeschichtliche Selektionsvorteile erzielend, auf jeweils unterschiedliche Merkmale der Au�nwelt. Sie w�ren damit, wie erfolgreiches Orientierungsverhalten zeige, der Wahrnehmung der Umwelt ad�quat, weshalb ihre Abbildung wiederum im menschlichen Erkenntnisapparat weder �schend noch erkl�ngsbed� sei. Die mit dieser Sichtweise verwandte Behauptung freilich, die kommunikative Behandlung und Explikation des Wahrnehmungsgeschehens am Modell der f�nne l� im Umstand ihrer biologischen Funktionalit�begr� ist allerdings eine epistemologische Entgleisung, da sie semantische Kategorien aus der Gattungsgeschichte ableitet und damit als naturalistischer Fehlschlu�zu verwerfen ist. Die vor- und au�rwissenschaftliche Gegebenheit des Explanandums "Sinne" sowie der quasi-reflexive Charakter der Sinnesphysiologie - Sinneswahrnehmung als Forschungsgegenstand bei gleichzeitiger Unverzichtbarkeit dieser Sinneswahrnehmung als Forschungsmittel - verleitet schnell zu Kategorienfehlern und zirkul�n Argumentationen. Auch Sinnesphysiologische Forschung bliebe erfolglos, k�e sie sich nicht auf die Funktion, den Erfolg und die kommunikative Vergemeinschaftung von Sinneswahrnehmungen im sozialen Proze�Wissenschaft verlassen. Aus diesem Grunde ist es unm�ch, unter Verweis auf sinnesphysiologische Theorien Kriterien angeben zu wollen, ob und wann Wahrnehmungen zutreffen, da eine Entscheidung dar�chlie�ich immer schon herbeigef�ein mu� bevor eine solche Theorien �upt formuliert und gepr�rden kann. Gleiches gilt f�suche, durch Inanspruchnahme sinnesphysiologischer Erkenntnisse kognitive Leistungen des Wahrnehmens erkl�n zu wollen. Um dies zu k�n mu�schon gewu� werden, was es �upt wahrzunehmen gibt (Janich 1996:263f.). Genau dieses Wissen ist jedoch Ergebnis eines vorg�igen symbolischen Umgangs und einer kommunikativ-gesellschaftlichen Vergewisserung dessen, was als Weltsachverhalte behandelt werden kann. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Angesichts dieser defizit�n Explikationslage sollen im folgenden einige problemtheoretische Vorschl� zur Aufkl�ng der Genese dessen, was gemeinhin als f�nne behandelt wird, unterbreitet und dabei der Versuch unternommen werden, die Entstehung eines solchen "Sinnesmodells" aus Problemen der Handlungskoordination zu rekonstruieren. Folgende drei Thesen sind dabei ma�eblich:</P> <ol align="justify"> <li>Die organspezifische Betrachtungsweise des Wahrnehmungsgeschehens kann nicht aus anatomisch-physiologischen Sachverhalten abgeleitet werden, sondern nur aus einer prim� sinnkonstitutiven "Sinnessemantik", deren genetische Rekonstruktion sich von der biologischen Evolution sensorischer Systeme unterscheidet. <li>Die Genese der F�lung l� sich aus funktionalen Bedingungen von Verhaltenskoordination und interaktiver Probleml�g begreifen. <li>Der diesem Modell der Sinne inh�nte pr�flexive Isolationismus sowie die Fixierung auf die exterozeptive Wahrnehmung liegen in der Erfahrung der St�rkeit und Manipulierbarkeit sensomotorischer Kreisprozesse begr� </ol> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls2" ID="jls2">2.</A> Was ist ein Modell der Sinne?</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Kommen wir zun�st zur Bestimmung dessen, was unter einem <I>Modell der Sinne</I> verstanden werden soll. Als ein solches Modell wollen wir ein kontingentes Gef�feinander bezogener Aussagen bezeichnen, welches Wahrnehmungserfahrungen hinsichtlich Abgrenzbarkeit und Identifizierbarkeit, spezifischer Eigenschaften, Leistungsf�gkeiten und Funktionen bestimmt, klassifiziert und einzelnen "Sinnen" zuordnet. In der Regel legen diese Modelle eine bestimmte Zahl der Sinne fest und ordnen sie in einer Hierarchie an, deren Bewertungskriterien recht heterogen sein k�n. Als symbolisches Konstrukt ist ein Modell der Sinne nicht mit den Erfahrungen, die es organisiert und deren Beschreibung es erm�cht, zu verwechseln. Doch ohne ein sozial und kulturell akzeptiertes Modell der Sinne einschlie�ich der damit erst m�chen sprachlichen Pr�kation bzw. des Gebrauchs von Verben und Adjektiven, die die kommunikative Bezugnahme auf Wahrnehmungsakte und -gegenst�e erlauben, kann es weder die Vergewisserung einer gemeinsamen Au�nwelt noch einen kommunikativen Umgang mit Wahrnehmungserfahrungen geben. Es lassen sich Modelle verschiedener Abstraktionsstufen und unterschiedlicher Reflexivit�rekonstruieren. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Einem Modell der Sinne kommen zwei grundlegende und �ordnete Funktionen zu. Es ist ein Modell <I>von</I> Wahrnehmungen und ein Modell <I>f� Wahrnehmungen. Es <I>erm�cht</I> die Handhabung, die Beschreibung und die Zurechnung von Wahrnehmungen zu "Sinnen", ist aber andererseits aus Wahrnehmungserfahrungen <I>abgeleitet</I> bzw. gewonnen. D.h. ein Modell der Sinne ist durch Wahrnehmungserfahrungen konstituiert, andererseits werden Wahrnehmungen aber an einem Modell der Sinne expliziert.<B><SUP><A HREF="#foot1" NAME="footback1">1</A></SUP></B> Ein Sinnesmodell ist jedoch kein Modell der Wahrnehmung oder eine Theorie der Wahrnehmung, wenngleich beide in einem wechselseitigen Konstitutions- und Legitimationsverh�nis stehen. Die Beantwortung etwa klassischer Fragen der Wahrnehmungspsychologie, inwiefern Perzeptionen konsistent, t�chungsanf�ig, stimmungs- oder altersabh�ig sind, in welchem Abschnitt der Ontogenese sich Wahrnehmungskompetenzen herausbilden oder wie sich spezifische Wahrnehmungsleistungen experimentell bestimmen lassen, nimmt nicht notwendig Bezug auf Hierarchie, Anzahl oder soziale Bewertung der Sinne. Den meisten Theorien der Wahrnehmung unterliegt, gleichsam in der Funktion einer Ontologie, ein bestimmtes Modell der Sinne, das aus ihnen erschlossen werden kann.<B><SUP><A HREF="#foot2" NAME="footback2">2</A></SUP></B> <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Nach einer Durchmusterung der Geschichte der Reflexion �ie Sinne und der Geschichte der Wahrnehmungstheorien lassen sich unterschiedliche Modelle, voneinander abgrenzen, die Individuierung, Funktionsbestimmung und Hierarchisierung der Sinne nach jeweils differenziellen Kriterien vornehmen. Da�sich vor allem in naturwissenschaftlichen Modellen neben spezifischen Forschungsinteressen heterogene Experimentierpraktiken einschlie�ich impliziter erkenntnistheoretischer Pr�renzen spiegeln, ist unschwer nachweisbar. Gegen�inem prim�sinnkonstitutiven organspezifizierend-identifikatorischen Modell bringt etwa die in der Folge von M�(1833/34) und Helmholtz (1856, 1863) an Bedeutung gewinnende Physiologie ein empfindungsspezifisches Modell hervor, gelangt die Epoche der Psychophysik mit Fechner (1860) und Wundt (1874) zu einem reiz- u. rezeptorspezifischem Modell oder die kognitive Wende in der Wahrnehmungspsychologie zu einem informationsspezifischen Modell (Gibson 1973), ebenso wie die sprachanalytische Philosophie ph�menale oder extern beobachtende Zug�e zu Sinneserfahrungen zugunsten der Gebrauchsanalyse jener sprachlichen Einheiten suspendiert, mit sich Angeh�e einer Lebensform �echselseitig unterstellte sensomotorische Erlebnisse verst�igen (Wittgenstein 1991, 1995).<B><SUP><A HREF="#foot3" NAME="footback3">3</A></SUP></B> </P> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls3" ID="jls3">3.</A> Zur vorbegrifflichen Konstruktion der Sinne</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Die uns aus dem Alltag vertraute vorreflexive Sinneskonstruktion bestimmt die Sinne 1.) als f��rliche Organe mit psychischer Funktion und 2.) als Instrumente, die die Identifizierung von Erkenntnisgegenst�en erm�chen. Die Diskussion von Differenzierungskriterien einzelner Sinne und die Beurteilung ihrer Leistungsf�gkeit soll die Frage beantworten, mittels welcher dieser Erkenntnisinstrumente man �upt zu validem Wissen �ie Au�nwelt gelangen kann. Organe sind <I>prima facie</I> am K�r auffindbare Einheiten. Sie bilden eine Struktur, die pr�flexiv "vorgefunden" wird und nicht erst anhand von komplizierten anatomischen Verfahren expliziert werden mu� Unter Betonung von Spezifik, Autonomie und Exklusivit�einzelner Sinneserfahrungen werden k�rliche Einheiten benannt, die schlie�ich mit der Zahl "f�ot; ihre feste Verankerung im diesbez�en philosophischen, �hetischen und alltagsweltlichen Diskurs haben. Die zum vorbegrifflichen Erfahrungsbestand geh�de M�chkeit der Sch�gung dieser Struktur scheint der Annahme eines Korrespondenzverh�nisses zwischen organischen Mitteln einerseits und Gegenst�en der Erfahrung und der Erkenntnis andererseits in besonderer Weise Evidenz zu verleihen. Insofern war und ist das organspezifizierend-identifikatorische Modell der Sinne gerade in der Alltagserfahrung prim�<I>sinn</I>konstitutiv. In welcher Weise ein solches Modell vergessenes Fundament im Husserlschen Sinne ist, best�gt die zeitgen�sche Rede von den Sinnen allzumal. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Das organspezifizierende Modell der Sinne hat bekanntlich seinen Ursprung in der Antike, vor allem in der aristotelischen Philosophie.<B><SUP><A HREF="#foot4" NAME="footback4">4</A></SUP></B> Das Primat der Identifikation von Gegenst�en und ihren stofflichen Qualit�n macht verst�lich, warum von Demokrit �lato bis Aristoteles Sehen und Tasten eine einflu�eiche Sonderstellung zugesprochen wurde. Im Begriff der "Aisthesis" hatte Aristoteles, sich gegen die Abwertung der Wahrnehmung durch Platons Ideenlehre wendend, die Funktion der Sinne und ihre Bedeutung f� Strukturierung von Erfahrung ausgiebig er�rt und in <I>de anima</I> anhand der taktilen Wahrnehmung schon das mit der Zusammenfassung differenzieller Leistungen zu <I>einem</I> Sinn gestellte Problem der begrifflichen Inklusion heterogener Extensionsmengen diskutiert. Insofern die Sinne hier von au�n durch Gegenst�e affiziert werden, widerspricht das aristotelische Modell allerdings der zu seiner Zeit popul�n Emissions- bzw. Sehstrahltheorie.<SUP><A HREF="#foot5" NAME="footback5">5</A></SUP> <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Als organspezifizierende und gegenstandsidentifizierende Klassifikation der Sinne ist das aristotelische Modell der Sinne im Okzident das �este und wirkungsm�tigste. Die hier erfolgte Festschreibung der F�l wird nicht einmal durch die phyrronische Skepsis in Zweifel gezogen. Noch jenem philosophischen Dissens um die Sinne, der vor allem mit sensualistischem Denken in eine besonders dynamische Phase eintritt, liegt das organspezifizierend-identifikatorische Modell zugrunde. Im erkenntnistheoretischen Diskurs zwischen Berkeley, Locke, Diderot und anderen geht es immer wieder um die Frage nach dem wichtigsten Sinn f�sicht und Begriffsbildung. Zur Sch�ung der Argumente bezieht man sich auf Nicolas Saunderson, einen blinden Professor der Geometrie in Oxford, auf Condillacs sprachlose Statue oder das Gedankenexperiment des Dubliner Anwalts und Locke-Freundes William Molyneux, ob ein Blinder, der das Augenlicht wiedergew�e, durch blo�s Hinsehen einen W�von einer Kugel unterscheiden k�, die er zuvor ausschlie�ich durch den Tastsinn hatte einwandfrei identifizieren k�n.<B><SUP><A HREF="#foot6" NAME="footback6">6</A></SUP></B> Selbst wenn sp�r bei Kant das Ganze der "Sinnlichkeit" und weniger eine Modalit�tentheorie im Vordergrund steht, gilt doch die Identifikation von Gegenst�en als deren vorrangige Leistung.<B><SUP><A HREF="#foot7" NAME="footback7">7</A></SUP></B> <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Trotz mittlerweile gr�er Konkurrenz durch die Empfindungslehren der Physiologie war das organspezifizierende Modell in der biologischen Diskussion des 19. Jahrhundert keineswegs obsolet. Selbst noch die Entdeckung der sensorischen Projektionsfelder der Gro�irnrinde legte die M�chkeit der Gewinnung von Differenzkriterien anhand anatomischer Lokalisation nahe, wenngleich es immer noch gen�verschiedene Empfindungen, etwa Geschmacks-, Druck- oder W�eempfindungen gibt, die dasselbe zentrale Projektionsfeld ansprechen. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Folgende Probleme bleiben allerdings im Kontext organspezifizierend-identifikatorischer Betrachtungsweisen der Sinneswahrnehmung zun�st unbew�igt: <ol type="i"> <li>Anatomisch bleibt v�g unklar, was ein Sinnes<I>organ</I> ist und welche organischen Einheiten einschlie�ich des Zentralorgans einem spezifischen Sinn zugerechnet werden sollen. <li> Das organspezifizierende Modell bezieht sich ausschlie�ich auf exterozeptive Wahrnehmungen. Perzeptionen, denen keine Organe korrespondieren, etwa Propriozeption, Interozeption, som�hetische Empfindungen etc. bleiben unber�htigt. <li>Die mangels anderer Vorstellungen notgedrungene Zuordnung des perzeptiven Spektrums zu <I>einzelnen</I> Sinnen verstellt die Sicht auf deren Zusammenspiel in sensomotorischen Kreisprozessen, dessen Gegenmodell die sprachlose Statue Condillacs und ihr isolierender Aufbau bleibt. Intermodale, multisensorielle und sensomotorische Verschr�ung bleibt so wie noch bei Herder und der Syn�hesie-Debatte der Romantik ein problematischer Grenzfall. In einem mit diesem Modell verbunden isolationistischen Denken kann weder die Konstitution der Wahrnehmungswelt aufgekl�, noch k�n Funktionszusammenh�e zwischen Wahrnehmen und Handeln verstanden werden. <li>Der organologisch-identifikatorische Sinnesdiskurs macht keine Aussagen �ie Inanspruchnahme der sensomotorischen Infrastruktur in einer interaktiv-symbolischen Praxis, obgleich, wie wir sp�r zeigen werden, die Genese des Modells nur aus dieser Praxis heraus begriffen werden kann. </ol> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls4" ID="jls4">4.</A> Die Genese des Modells der f�nne</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Erste Anhaltspunkte f� Untersuchung der Genese der Sinne finden sich bereits in Deweys Auseinandersetzung mit dem fr�ehaviorismus, in Schelers Theorie des Fremdverstehens (1973) sowie in Cassirers (1994) und Merleau-Pontys (1966, 1976) symbol- und gestalttheoretisch inspirierter Kritik des reduktionistischen Physiologismus. Diese �erlegungen konvergieren in der These, es g� im Erleben zun�st nur ein ungeschiedenes Ganzes der Erfahrung. Zu einer Isolation dieses ungeteilten Erlebnisstroms k� es erst, wenn die Wahrnehmung unter ein bestimmtes, mit Abstraktionsschritten verbundenes, handlungsentlastetes Erkenntnisinteresse gestellt wird. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Dewey spricht in einem luziden Artikel zur Kritik des Reflexbogenmodells davon, da�sensomotorische Prozesse und ihre Steuerungseffekte "[...] [are] always inside a co�nation and have their significance purely from the part played in maintaining or reconstituting the co�nation;" (1896:360). Damit ist die klassisch pragmatische These angesprochen, da� Wahrnehmungsgegenst�e gleichsam im Handeln entstehen und da�deren Charakterisierung als etwas bestimmtes folglich nicht isoliert vom Handlungsproze�betrachtet werden kann. Gleicherma�n gegen eine organspezifizierende Betrachtungsweise des sensorischen Systems, allerdings mit ph�menologischen Argumenten, hatte Scheler eingewendet, es gebe im Erleben zun�st nur ein ungeschiedenes Ganzes der Erfahrung. Zu einer Isolation dieses ungeteilten Erlebnisstroms k� es erst, wenn die Wahrnehmung nicht mehr in ihrem einfachen Gehalt betrachtet, sondern bereits unter einen bestimmten gedanklichen Gesichtspunkt gestellt und unter ihm beurteilt wird. In seiner Theorie von der Primordialit�des Wir vor dem Ich und spricht er von der </P> <blockquote align="juSTIFY"><font face="arial, helvetica, sansserif">"[...] allm�ichen, immer bestimmteren Zuteilung des so `gegebenen' Erlebnismaterials an `uns selbst' und an `Andere'; [...] Nicht so also verh� es sich, da�wir, wie jene Theorien annehmen, aus einem `zun�st' gegebenen Material `unserer' Eigenerlebnisse uns Bilder der fremden Erlebnisse aufzubauen h�en, um diese Erlebnisse - die uns niemals unmittelbar als `fremde' aufzuweisen w�n - dann in die k�rlichen Erscheinungen des Anderen einzulegen; sondern ein <I>in Hinsicht auf ein Ich-Du indifferenter</I> Strom der Erlebnisse flie� `zun�st' dahin, der faktisch Eigenes und Fremdes ungeschieden und ineinandergemischt enth�; und in diesem Strome bilden sich erst allm�ich fester gestaltete Wirbel, die langsam immer neue Elemente des Stromes in ihre Kreise ziehen und in diesem Prozesse sukzessive und sehr allm�ich verschiedenen Individuen zugeordnet werden." (1973:240)<SUP><A HREF="#foot8" NAME="footback8">8</A></SUP> </font></blockquote> <P ALIGN="JUSTIFY">Und mit besonderem Blick auf das Verh�nis von Erfahrung und Sinnesorgan formuliert ebenfalls Cassirer die These, da�im Vollzug der Handlung und der Inanspruchnahme durch Ereignisse gleich welcher Art die Reflexion gleichsam ausgeh�t und die Aktivit�weder anhand der Differenz von Innen und Au�n, noch anhand jener von K�r und Bewu�sein beobachtet werden kann: <blockquote ALIGN="JUSTIFY"><font face="arial, helvetica, sansserif">"Erst dadurch, da�sie [die Wahrnehmung - J.L.] nicht lediglich nach ihrem `Was' erfa� und bestimmt, sondern da�nach ihrem `Woher' gefragt wird, ergibt sich die Notwendigkeit ihrer Sonderung in relativ voneinander unabh�ige Sinneskreise. Diese Sonderung geh�somit nicht zum einfachen `Befund' des Wahrnehmungsbewu�seins, sondern schlie� bereits ein Moment der Reflexion, der <I>kausalen Analyse</I> in sich. Indem die Wahrnehmung von seiten der Herkunft, ihrer Entstehungsbedingungen betrachtet wird, wird sie selber, je nach der Verschiedenheit dieser Bedingungen, in verschiedene Bezirke zerlegt. Jedem besonderen <I>Organ</I> der Wahrnehmung wird jetzt je eine selbstst�ige Welt von Wahrnehmungs<I>inhalten</I> zugeordnet." (Cassirer 1994:33) </font></blockquote> <P ALIGN="JUSTIFY">Mit einem letzten Zitat wollen wir es zun�st mit der Befragung einiger Schl�exte bewenden lassen, um anschlie�nd etwas st�er systematisch zu argumentieren. Sehr pr�ant hat n�ich Sarte auf die besondere Paradoxie hingewiesen, auf die die Beobachtung der Sinne <I>mit</I> den Sinnen zwangsl�ig st� <blockquote ALIGN="JUSTIFY"><font face="arial, helvetica, sansserif">"Meine Wahrnehmung der Sinne des Andern dient mir als Grundlage einer Erkl�ng von Empfindungen und zumal <I>meiner</I> Empfindungen; aber umgekehrt konstituieren meine so gedachten Empfindungen die einzige <I>Realit�/I> meiner Wahrnehmung der Sinne des Andern. Und in diesem Zirkel hat dasselbe Objekt: das Sinnesorgan des Andern, weder dieselbe Natur noch dieselbe Wahrheit bei jeder seiner Erscheinungen. Es ist zun�st <I>Realit�/I>, und gerade weil es Realit�ist, begr�es eine Lehre, die ihm widerspricht." (1993:558f.) </font></blockquote> <P ALIGN="JUSTIFY">Sarte thematisiert hier nicht nur die Ursprungsparadoxie, da�eine Rede �ie Konstitution der Sinne immer schon Existenz und Funktionsf�gkeit dieser Sinne voraussetzt und die Frage, wie aus subjektiven Wahrnehmungserlebnissen Objektivationen der Sinne gerinnen k�n, sondern er gewinnt seine ontologisch motivierte Relativierung des Postulats reiner Subjektivit� zun�st durch die Bezugnahme auf das Verh�nis von Selbst- und Fremdbeobachtung. Dies kann hinsichtlich der Frage nach der sozialen Konstruktion der Sinne als vielversprechende Perspektive in Anschlag gebracht werden. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Da�sich das Auge nicht sehen kann, ist von Comte �undt bis zu Wittgenstein und Sartre immer wieder Ausgangspunkt von �erlegungen �ie Grenzen des Erfahrbaren gewesen. Zeitgen�sche Fassungen dieses Problems verweisen auf Beobachtungen 2. Ordnung und nehmen die damit verbundenen Paradoxien zum Anla� das Problem zumindest als erkenntnistheoretisches zu verabschieden. Uns interessiert zun�st die Frage nach dem Zusammenhang zwischen diesem Befund der "Unsichtbarkeit" des eigenen Wahrnehmens und der Genese der sensorischen Organologie einschlie�ich ihrer Legitimation durch die Identifikation von Wahrnehmungskorrelaten als intersubjektiv Zug�lichem. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Wahrnehmendes Bewu�sein begegnet selbst in reflexiver Einstellung prim�dem Bewu�sein von Wahrnehmungs<I>gegenst�en</I>, nicht aber einem Bewu�sein von eigenen aktiven Sinnesorganen. Ein "Sinn" ist in der Selbstbeobachtung zun�st etwas Unfa�ares, weil man sein Sehen nicht sieht, sein H� nicht h�etc. Selbst wenn man die eigenen Sinnesorgane beobachtet, beobachtet man, wie Sartre sagt, Objekte der Welt, niemals aber deren entdeckende oder konstruierende T�gkeit (Sartre 1993:560).<B><SUP><A HREF="#foot9" NAME="footback9">9</A></SUP></B> Aufgrund der Unm�chkeit der Explikation der Sinne durch Bewu�seinsereignisse oder erlebte Zust�e erfolgt die Bestimmung dessen, was ein Sinn ist, durch deren Objekte, zu denen unter der Klasse der wahrnehmbaren Gegenst�e auch die Sinnesorgane des anderen geh�. Die M�chkeit des gleichzeitigen Verweisens auf etwas in der Umwelt und auf die manipulierbaren K�rpartien (Organe) ist f� Zusammenfall des Organologischen mit dem Exterozeptiven verantwortlich. Das im Modus der Fremdbeobachtung gewonnene Schema der Zuordnung von Erlebnisqualit� Funktion und organischer Struktur kann in der Selbstbeobachtung gegengepr�rden. Es ist deshalb zu vermuten, da�die Individuierung eines "Sinnes" eng mit denjenigen grundlegenden Erfahrungen in Zusammenhang steht, die vermittels bestimmter Handlungen immer wieder neu hergestellt werden k�n. Die mit willentlichen K�rbewegungen m�che Produktion von Differenz generiert Informationen, die unter Zurechnung auf Orte am K�r geordnet und klassifiziert werden k�n. Insofern ist das Bewu�sein vom Handlungscharakter des Wahrnehmens, nicht ihr passiver Erlebensbezug, der entscheidende Schl�bei der Frage nach der organspezifizierenden Individuierung der Sinne. Demgegen�ind propriozeptive, interozeptive und som�hetische Wahrnehmungen, also der gesamte Erfahrungsbereich dessen, was in der Alltagssprache "f�quot;, "sp�uot; etc. hei�, an der Fremdbeobachtung kaum zu registrieren. Da�die soziale Evolution keinen Schmerz-Sinn hervorgebracht hat, erkl� sich daraus, da�es a) kein standardisiertes Verfahren zur Beschaffung von derartigen Sinneserfahrungen gibt (Grice 1962:134) und b) die Schmerzempfindung selbst nicht �ie Ursache der Empfindung informiert und damit die Zurechnung auf Gegenst�e, die exklusiv zu dieser Erfahrung beitragen, entf�t. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Der Blick in ethnographische Arbeiten zur Organisation von Wahrnehmung und deren Kulturspezifik legt ungeachtet notwendiger Kritik an deren Sinnes-Exotismus die Vermutung nahe, da�es trotz der kulturellen Codierung der Sinne und des Wahrnehmens, trotz erheblicher Differenzen also in Hierarchie und sozialer Relevanz sensorischer Systeme keine Gesellschaft zu geben scheint, die nicht ein exterozeptiv fundiertes organspezifiziertes Modell etabliert hat, wie immer dies auch im Einzelnen aufgebaut ist (Classen 1993; Howes 1991a). Gegen�er These, die Verbindlichkeit des Konzeptes einer abz�baren und festgelegten Anzahl von Sinnen als k�rlichen Organen mit einer an sie gebundenen mentalen Funktion der antiken philosophischen Reflexion zu �tworten, halten wir es f�truktiv, die organspezifizierende Betrachtungsweise des Wahrnehmungsgeschehens in der vorreflexiven Erfahrung zu suchen. Die Gewinnung eines philosophischen Sinnesmodells - und hier gibt es eine bemerkenswerte Konvergenz in der Entwicklung zum Schema der f�nne in Indien, China und der griechischen Antike (Scheerer 1995) - setzt bereits eine anspruchvolle Kombination verschiedener analytischer Einheiten voraus: Die Ausgrenzung einer mentalen "Innenwelt" innerhalb eines urspr�h als psychophysische Einheit gedachten Erlebniszusammenhangs ebenso wie die Differenz von Erkennen und Handeln sowie die Unterscheidung zwischen sensorischen und intellektuellen Leistungen. Eine derart von theoretischer Neugierde geleitete Semantik bedarf zudem des Durchgangs durch verschiedene Abstraktionsstufen, die l�st hinter sich gelassen haben, was hier zur Diskussion steht.. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Nimmt man Karl B� Bemerkung ernst, der Ursprung der Semantik sei in der wechselseitigen Handlungssteuerung zu suchen, weshalb diese "[...] von vornherein im Dienste eines geordneten Gemeinschaftslebens" (1978:38) st�spricht vieles daf�es auch f� Genese des urw�en, lebensweltlich verankerten Modells der Sinne anzunehmen. Vor allem deshalb, weil diese Semantik selbst wiederum in der gemeinsamen Wahrnehmungssituation fundiert ist, aus der heraus sie funktional als Instrument wechselseitiger Steuerung erw�st. Aus der bereits f�zesse einfachster, appellativer Handlungskoordination notwendigen Zuordnung von Wahrnehmungsaktivit�n zu relativ auff�igen K�rteilen, die dann im Zeigfeld (!) als Organe bzw. Werkzeuge markiert werden, entsteht eine Semantik der Sinne, die die Manipulation des eigenen K�rs zum Zweck der Steuerung des anderen K�rs anleitet.<B><SUP><A HREF="#foot10" NAME="footback10">10</A></SUP></B> Diese Reflexivit�der Genese der Sinne aus dem manipulierenden und kommunikativen Gebrauch der Sinne geht Hand in Hand mit der Genese der Semantik der Dingwelt. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Ist, wie B�meint, im einfachsten Fall der "Richtpunkt" einer solchen Steuerung in der gemeinsamen Wahrnehmungssituation enthalten, dann richtet sich der Appell an die Aufmerksamkeit des anderen an dessen sensomotorisches Verm�. Insofern steht der Verweis auf die Sinne als Organe und als Orte menschlicher Aktivit�in einem funktionalen Zusammenhang mit dieser wechselseitigen Steuerung und schlie�ich auch mit der daraus resultierenden "<I>Selbsterzeugung</I> der Kommunikationsmittel" (1978:53) in Form semantischer Einrichtungen. Vom Befund der Semantisierung von Ver�erung am K�r sind jene Differenzen und Auff�igkeiten nicht ausgeschlossen, die mit sensorischer Aktivit�zusammenfallen. Sp�stens hier wird deutlich - und wir werden sp�r darauf zur�men - da�in einem interaktiv gewonnenen Verst�nis der Sensomotorik Wahrnehmen und Wahrnehmenlassen zwei Seiten <I>einer</I> Medaille sind. Sinneseindr�kann nur dann eine ausl�de und steuernde Funktion zukommen, wenn sie in eine Situation wechselseitiger Einstellung der Beteiligten aufeinander eingebunden sind. Das unterscheidet die Gewinnung eines sensorischen Modells aus der Interaktion von der Gewinnung eines solchen Modells aus der Dingwahrnehmung oder der Wahrnehmung des eigenen K�rs. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Ein weiterer Grund f� Zurechnung von spezifischen Leistungen zu Organen als k�rlichen Einheiten liegt offensichtlich in der St�rkeit sensomotorischer Kreisprozesse und den damit verbundenen Folgen f� Situationsbew�igung. Da�Erwartungsentt�chungen Warumfragen motivieren, ist evidente Erfahrung. Sich neu einstellende Erfahrungen stellen Probleme dar, die durch die Suche nach einem Aspekt, mit dem man bereits Erfahrungen hat, zu bew�igen versucht werden. Ein st�des Problem A kann dann eventuell unter eine schon bekannte Erfahrung B gefa� werden. Die Durchbrechungen glatter Abl�e f�o zu Abstraktionen, die die Zurechnung von Kausalit�und Verantwortlichkeit erm�cht. St�gen werden verarbeitet, indem sie als weitere Eigenschaft in Konzepte aufgenommen werden. Die Aufhebung von verunsichernder Zuf�igkeit und die temporale Organisation der Erfahrung gem� vorher/nachher-Unterscheidungen, Konditionalschemata etc. sind die entsprechenden Entlastungsertr� (Gehlen 1997:217). Der Bezug von Auge zu Sichtbarkeit, von Ohr zu Klang und Ger�ch oder jener von Hand und Haut zu Oberfl�enbeschaffenheit d�sich ebenso solcher Abstraktionsschritte verdanken. Gleiches gilt f� Zurechnung von Verantwortlichkeit, sofern man aus Selbst- und Fremdbeobachtung um Steuerungsm�chkeiten des Wahrnehmens, Wahrnehmenlassens oder des Der-Wahrnehmbarkeit-Entziehens wei� Das unreflektierte Ganze der Wahrnehmungserfahrung, von dem bereits die Rede war, mu�allein schon aus Gr�der Problembew�igung in einzelne Aspekte und Bestandteile des sensomotorischen Kreisprozesses zerlegt werden. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Insofern kann man davon sprechen, da�die organspezifizierende Betrachtungsweise des Wahrnehmungsgeschehens Ergebnis einer Bearbeitung von Problemen mit dem pragmatischen Motiv ihrer Beseitigung ist. Da�die damit verbundene Manipulation von Zuhandenem einschlie�ich derjenigen des eigenen K�rs zun�st eine experimentelle sensomotorische Praxis darstellt, die sich aus leibvermitteltem Umgang �eiktisch fundierte Objektivationsschritte und schlie�ich expliziter Thematisierung zu einer Konstruktion verfestigt, k�e phylogenetisch wie ontogenetisch Plausibilit�beanspruchen. Das Durchlaufen verschiedener Abstraktionsschritte l� sich schlie�ich in den differenten Modellen der Sinne selbst erkennen, deren reiz- und empfindungsspezifische Varianten die gr��che Distanz zu ihrer eigenen Genese aufweisen. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Augen und Ohren, Nase und Mund lassen sich schlie�n oder verschlie�n, Ber�en k�n willk� unterbleiben und spezifische sensorische Erfahrungen durch einfache Einwirkungen auf den eigenen K�r willentlich erzeugt, verst�t oder vermieden werden. Hinsichtlich der sozial etablierten Existenzgewi�eit von f�nnen und ihrer Inkarnation als Organe bzw. mehr oder minder umgrenzbare K�rregionen sind solche Erfahrungen Evidenzerlebnisse, die den Theorie-Empirie-Kreislauf vorreflexiver Ordnungsschemata und ihrer Verifikation stabil halten. Die Aussage: "Man nimmt mit den Sinnesorganen bestimmte Eigenschaften der Umwelt wahr" kann als eine solche Abstraktion verstanden werden. Insofern ist das organspezifizierende Modell der Sinne ebenso integraler Bestandteil individueller K�rschemata wie gesellschaftlich geteilter K�rtheorien, in denen ja Wissensbest�e �ie als "nat�" behandelten M�chkeits- und Zumutbarkeitsgrenzen des K�rs systematisiert und normative Anspr�n diesen legitimiert sind.<B><SUP><A HREF="#foot11" NAME="footback11">11</A></SUP></B> <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Gerichtetes Wahrnehmen als rekursive sensomotorische Aktivit�hat f�en externen Beobachter stets nur eine Au�nseite, die sich beim anderen als mehr oder weniger auff�ige k�rliche Aktivit�entfaltet. Man sieht, da�der andere Augen und Kopf bewegt, etwas ber� auf etwas zeigt und man sieht die diesen Aktivit�n korrespondierende Expressivit� Solche prim��erlich gegebenen Ph�mene einschlie�ich der am K�r des anderen auffindbaren Signifikanzpunkte, den sog. Sinnesorganen, sind denn auch die einzigen Anhaltspunkte, an denen die vorbegriffliche Beschreibung des Sensorischen ankn�kann, selbst wenn diese Fremdbeobachtungen immer mit Selbstbeobachtungen verrechnet und angereichert werden. Die M�chkeit, auf identifizierbare Gegenst�e und einige ihrer Merkmale zu zeigen, kann in einfachen paradigmatischen F�en mit Hinweisen auf diejenigen K�rpartien, mit denen wahrgenommen wird, verbunden oder auf diese abgebildet werden. ��re "Sinnesorgane" sind schlie�ich aufgrund ihrer Auff�igkeiten selbst identifizierbare Gegenst�e. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Begreift man die Genese des organologischen Modells in Probleml�gsaktivit�n und den damit einhergehenden Zurechnungseffekten, die sich zwangsl�ig einstellen, wenn sensomotorische R�plungsprozesse gest�und entlastetes bzw. geordnetes, planvolles und zielgerichtetes Verhalten zu scheitern droht, dann wird auch deutlich, da�bereits der Einsatz deiktischer Mittel aufgrund dessen notwendiger Sequenzialit�urspr�h r�ogene Einheiten in isolierte Elemente zerlegt. Aus unterschiedlichen sensomotorischen Systemprozessen werden schon vorbegrifflich Elemente isoliert, denen Merkmale hinsichtlich des St�gsbefundes zugeschrieben werden k�n. Mithin kann die Genese von Sinnes<I>organen</I> als Ergebnis von Objektivationsschritten begriffen werden: Am Auge als isoliertem K�rteil, nicht am Akt des Sehens objektiviert sich Sichtbarkeit, am Ohr das Schallereignis, an der Nase der fl�e Geruch etc. Diejenigen Perzeptionen, die nicht durch Hinweise auf a) K�rpartien und b) Erfahrungsgegenst�e objektiviert werden k�n, kommen deshalb im f�eilten Sinnesmodell schlie�ich auch nicht vor, n�ich propriozeptive und interozeptive Wahrnehmungen. Insofern sind die als "Sinne" bzw. "Sinnesorgane" behandelten Einheiten aus Problemsituationen hervorgegangene Objektivationen, die die Ordnung bestimmter Bez�n K�r und Welt erm�chen und die in diesem Verh�nis auftretenden Ereignisse zurechenbar machen.<B><SUP><A HREF="#foot12" NAME="footback12">12</A></SUP></B> Das organspezifizierend-identifikatorische Modell der Sinne kann mithin als eine sehr grundlegende und einfache "Theorie" verstanden werden, deren Funktion es ist, den Umgang mit einer bestimmten Klasse von Erfahrungen zu organisieren. Bereits hier liegen die Grundlagen f�fstellig isolationistische Ordnungsmuster. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Die Inanspruchnahme der Aufmerksamkeit durch Erfordernisse der Situationsbew�igung privilegiert die exterozeptive Wahrnehmung. Der Realisierung interaktiver und kommunikativer Pl� korrespondiert deshalb die permanente Vergewisserung einer gemeinsamen <I>Au�n</I>welt.<B><SUP><A HREF="#foot13" NAME="footback13">13</A></SUP></B> Hinsichtlich des Erhaltes von Funktionsf�gkeit und Integrit�ist die Wahrnehmung des eigenen K�rs, seiner Lage und seiner Beanspruchung keineswegs unwesentlich. Insofern mag es zun�st �schen, da�diesbez�e Perzeptionen und Empfindungen in einem urw�en Modell der Sinne keine Ber�htigung finden. Propriozeption und Interozeption beanspruchen in routinisierten Handlungszusammenh�en jedoch kaum attentionale Ressourcen, weshalb die Anwesenheit des eigenen K�rs eher beil�ig bleiben kann, solange die Aufmerksamkeit nicht aufgrund von auff�igen Regungen aus Organismus oder Irritationen aus der Umwelt absorbiert wird. Zu diesem funktional einsichtigen Befund kommt hinzu, da� man weder auf Orte innerer Wahrnehmungen zeigen noch durch Manipulation des eigenen K�rs solche Orte lokalisieren kann, wie dies bei den als Sinnesorganen bezeichneten K�reing�en der Fall ist. Es ist deshalb nicht verwunderlich, da�die Differenzierung des Sensomotorischen in sog. gegenst�liche und zust�liche Sinne, in Nah- und Fernsinne oder in Extero-, Intero- und Propriozeption einem alltagsweltlichen Sinnesschema fremd ist. Solche Klassifikationen sind in wissenschaftlicher Einstellung vorgenommene Abstraktionen, denen in der Praxis schon deshalb keine Funktionalit�zukommt, weil ihre Pr�kate indexikalische Relationen darstellen. Was N� und Ferne f�eiligte hei�, ist ebenso situationsabh�ig wie die interne Anfertigung einer Situationsbeschreibung mit der Unterscheidung zust�lich/gegenst�lich. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Selbst wenn Plessners �thesiologie in exemplarischer Weise Modalit�als Fundamentalkategorie des Sinnlichen ausweist, so l� er zugleich keinen Zweifel daran, da�es bei der Leistung der Sinne niemals um den "[...] Aufbau eines Ganzen aus Empfindungselementen, sondern um Auswahl von Ansatzgebieten f� Handeln" geht (1980:119). Sinnesfunktionssystem und Aktionssystem sind schlie�ich deshalb konkordant, "[...] weil nur das wahrgenommen wird, worauf man durch Handlungen antworten kann" (1980:118). Die Manipulation von Zuhandenem einschlie�ich des eigenen K�rs stellt eine Praxis dar, die sich aus leibvermitteltem Umgang �eiktisch fundierte Objektivationsschritte vollzieht, deren erste Form, wie Freyer in seiner <I>Theorie des objektiven Geistes</I> (1923) nachweist, in der zeigenden Geste liegt. Der Schritt vom Fungieren zum Thematisieren kann folglich nur problemtheoretisch begriffen werden. Insofern ist die Rede von Sinnesorganen eine aus Problemsituationen hervorgegange Objektivation, die die Ordnung bestimmter Bez�n K�r und Welt erm�chen und die in diesem Verh�nis auftretenden Ereignisse zurechenbar macht. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Die Rekonstruktion der organspezifizierenden Betrachtungsweise des Wahrnehmungsgeschehens als Ergebnis einer pragmatischen Problembearbeitung steht dabei weder im Widerspruch zu einer prim�auf Modalit�setzenden Bestimmung des Sinnlichen, wie sie vor allem von Plessner (1980) und sp�r noch von Straus (1956) in Anschlag gebracht wurde, noch zu Simmels (1992) prim�auf funktionale Aspekte der Leistungsdifferenz der Sinne abgestellten Exkurs. Die hier favorisierte Optik relativiert und hinterfragt lediglich Voraussetzungen, die z.T. selbst zeitgen�scher Forschung als evident gelten, da sie sich hier von alltagsweltlichen Ordnungsschemata kaum zu l� vermag. Sie mahnt die Suspendierung jener Begriffsbildung an, die durch isolationistische �erstrapazierung dieser Leistungsdifferenz der Beschreibung des Umgangs mit Aktivit�n des Wahrnehmens und des Wahrnehmenlassens unseelige Vorstellungen von Kan�n und Leitungen nahelegt, durch die je nach �fnung oder Schlie�ng dann spezifische Informationen "gesendet" oder "empfangen" werden.<B><SUP><A HREF="#foot14" NAME="footback14">14</A></SUP></B> Charakterisierungen anhand der terminologisch misslungenen Bezeichnung "Sinneskanal" f�nicht nur zu unangemessenen technomorphen Beschreibungen von kommunikativen Prozessen, sondern orndnen solchen "Kan�n" dar�inaus bestimmte Merkmalsklassen von kommunikativen Ph�menen zu, etwa dem visuellen Kanal die nonverbale Auspr�ng der Kommunikation, dem auditiven die verbale Dimension etc. Empirisch falsch wie theoretisch unbegr�sind zudem alle Hierarchisierungen der Sinne oder deren sich wechselseitig ausschlie�nde Dominanz im Kontext jener medientheoretisch auftretenden und sich als Gesellschaftstheorie empfehlenden �erlegungen, die die Dichotomisierung zwischen schriftlosen, segment�differenzierten Gesellschaften des Ohres einerseits und visuell orientierten, funktional differenzierten literalen Gesellschaften andererseits als gesicherten Befund anpreisen (z.B. McLuhan 1962, 1965). In ihrer Fragestellung reproduzieren sie als entferntes Echo des Sinnesdiskurses des 18. Jahrhunderts vielmehr nur das l�st erledigte Problem von Condillac und den Folgediskussionen von Bonnet, Lessing und Herder bis zu Engel, Mendelssohn und Carl Philipp Moritz.<B><SUP><A HREF="#foot15" NAME="footback15">15</A></SUP></B> </P> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls5" ID="jls5">5.</A> Die Funktion der sensorischen Semantik</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Weder in pragmatischer noch in analytischer Einstellung kann von Sinneserfahrungen gesprochen werden, ohne sich dabei implizit auf ein Modell der Sinne als einer diskursiven Formation bzw. einer "Gu�orm m�cher Erfahrung" (Luhmann 1998:24) zu beziehen. Nur anhand solcher Formvorlagen f� Sinnbewirtschaftung des Erlebens k�n Erfahrungsmodi �upt als gleichartig beschrieben und interindividuelle Unterschiede als irrelevant f� Konstruktion einer Au�nwelt behandelt werden. Bei der Einf� von Termini wie "soziale Semantik", "diskursive Formation" o.�sieht man sich allerdings dem grundlegenden Paradox gegen�da�Kommunikation einerseits diskursiver Formationen bedarf, diese aber nur in und durch Kommunikation aufgebaut werden k�n. Hier l�man sich die Beweislast der Genese solche Formationen auf, dort jene der Bestimmung konstitutiver Bedingungen, da Kommunikation bereits Gu�ormen f� Verarbeitung von Erfahrungen voraussetzt. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Dennoch: Die hier als Modell der f�nne ausgewiesene sensorische Semantik erf�ie Funktion, entsprechende symbolische Mittel und Zurechnungsmuster zur Verf�zu stellen, durch die eine bestimmte Klasse von Erfahrungen �upt erst auf K�rpartien, Organe, Modalit�n, Bewegungen, Inneres und ��res etc. bezogen werden kann und durch die die entsprechenden Vorg�e �upt erst zu spezifischen Informationen werden k�n. Entsprechende individuelle und kollektive Wissensbest�e als Korrelat dieser Semantik gestatten dann die Thematisierbarkeit von Wahrnehmungen und die M�chkeit, anhand sprachlicher und nichtsprachlicher Mittel auf Wahrnehmungen zu verweisen, eigenes Wahrnehmen zu beschreiben wie auch andere aufzufordern, sich bestimmte perzeptive Erfahrungen zu verschaffen. Durch die wechselseitige Zurechnung von Wahrnehmungen und die Unterstellung, was man selbst wahrnehme, k�en auch andere so erleben, ergeben sich �upt erst entsprechende Reziprozi�effekte. Beispiele etwa aus Sozialisationspraktiken, die speziell die Wahrnehmung betreffen ("Ich sehe was, was Du nicht siehst", "Blinde Kuh") zeigen, da�ein diesbez�es Wissen, die zugeh�en Fertigkeiten und die jeweiligen Reziprozit�erwartungen erst aufgebaut werden m� "Blinde Kuh" kann man erst spielen, wenn man gelernt hat, da� man auch dann gesehen wird, wenn man selbst nicht sehen kann. Der Erwerb der sensorischen Semantik durch entsprechende Sozialisationspraktiken schlie� dar�inaus im allgemeinen die wechselseitige Erwartung sensomotorischer Normalit�als einer stillschweigenden Voraussetzung sozialer Situationen ein. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Aus genetischer wie interaktiver Perspektive d�einsichtig sein, den Ursprung aller Semantik einschlie�ich ihrer Selbsterzeugung als Kommunikationsmittel in ihrer Funktion f� wechselseitige Verhaltenssteuerung zu suchen. Dies gilt auch und gerade f� pragmatisch verankertes Modell der Sinne als Ordnungsvorlage f�somotorische Erfahrungen. Weil die Sinnessemantik in der gemeinsamen Wahrnehmungssituation fundiert ist, aus der heraus sie funktional als Instrument wechselseitiger Steuerung erw�st, ist das Modell der f�nne ein Modell <I>von</I> Wahrnehmungen und gleichzeitig ein Modell <I>f� Wahrnehmungen. Bereits in Prozessen appellativer, mittels einfacher Signale gesteuerten Handlungskoordination wird die Zuordnung von Wahrnehmungsaktivit�n zu relativ auff�igen K�rteilen, die dann im Zeigfeld (!) als Organe bzw. Werkzeuge markiert werden, notwendig. Dies fundiert eine Semantik der Sinne, die die Manipulation des eigenen K�rs zum Zweck der Steuerung des anderen K�rs anleitet. Diese Reflexivit�in der Genese der Sinne aus dem kommunikativen Gebrauch der Sinne selbst begr�die funktionalen Bez�ischen sensorischer Semantik und Kommunikationsproze� die sich in Form komplement�r Effekte n�r bestimmen lassen: <ol ALIGN="JUSTIFY"> <li>Der Gebrauch bestimmter symbolischer Ausdr�mit denen man sich auf Sinneseindr�ezieht - in der Regel Wahrnehmungsverben oder eine bestimmte Klasse von Adjektiven - l� Kommunikationspartner schlu�olgern, da�der Sprecher eine bestimmte sensomotorische Erfahrung gemacht hat, �ie er Auskunft geben kann. Wenn man sagt, man habe ein bestimmtes Ereignis oder Wahrnehmungsobjekt gesehen, geh� ber�tc., wird damit gleichzeitig mitgeteilt, da�a) bestimmte Angaben hinsichtlich der diesem Ereignis zugerechneten Eigenschaften gemacht werden k�n und b) diese Eigenschaften auch von jemand anderem wahrgenommen werden k�en, wenn er an der Stelle des Beobachters w�. <li>Der Verweis auf oder die Erw�ung bestimmter K�rpartien, sensorischer Systeme oder K�rhaltungen hat im kommunikativen Umgang die Funktion einer nach Bedarf abrufbaren Anweisung, welche k�rlichen Aktivit�n und Aufmerksamkeitsleistungen zu mobilisieren sind, um sich gleiche oder �liche Erfahrungen zu verschaffen. Ein solcher Appell an M�chkeiten des K�rs ist allerdings voraussetzungsvoll, denn er setzt die Verf�eit eines Modells der Sinne einschlie�ich der darin verankerten Zurechnungsmuster voraus. </ol> <P ALIGN="JUSTIFY">Operationen dieser Art funktionieren allerdings nur, wenn sprachlich-lexikalische Einheiten zur Verf�stehen, mit denen auf <I>modale</I> Eigenschaften sensorischer Systeme Bezug genommen werden kann. Wenn man hingegen davon spricht, etwas "wahrgenommen", "registriert" oder "bemerkt" zu haben, ist damit keine hinreichende Differenzierung und keine konkrete Anleitung zur Aktivierung spezifischer Teilsysteme der Sensomotorik verbunden. Es ist deshalb zu vermuten, da�hier eine wesentliche Funktion der kommunikativen Inanspruchnahme von Modalit�liegt. Sprachliche Ausdr��dale oder intermodale Wahrnehmungen sind eben keine hinreichend genauen Instrumente f� kommunikative Steuerung der Wahrnehmung des Interaktionspartners. Wenn ein Sprecher mitteilt, man m�doch intensiver, l�er oder aufmerksamer wahrnehmen - zweifellos Pr�kate, die zur Charakterisierung von Sinneserfahrungen verwendet werden k�n -, ist damit nichts �iejenigen Handlungen gesagt, die ausgef�werden m� um wahrzunehmen, was der Sprecher meint wahrzunehmen, oder um dasjenige zu erfahren, was der Sprecher von seinem H� w�, da�er erf�t. <br><img SRC="spacer.gif" height=1 width=23 align=CENTER>Damit sprachliche Ausdr�mit denen man sich auf sinnlich Wahrnehmbares beziehen kann, auch tats�lich als Aufforderung zu Wahrnehmungsaktivit�n, als Existenzbehauptungen oder als Verweise auf Subsysteme der Sensomotorik verstanden werden k�n, m� noch weitere Bedingungen erf�ein, die mit der Sensomotorik selbst zusammenh�en. Eine Aufforderung, etwas wahrzunehmen, kann n�ich nur an diejenigen Wahrnehmungssysteme gerichtet werden, die einer willentlichen Kontrolle unterliegen. Man kann jemanden bitten, genauer hinzuschauen, zuzuh�, abzutasten etc., nicht aber, spezifische K�rempfindungen zu haben. </P> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls6" ID="jls6">6. Zusammenfassung</H2> <P ALIGN="JUSTIFY">Wir res�n den bisher entfalteten Hypothesenzusammenhang wie folgt: Die unreflektierte Einheit der Wahrnehmungserfahrung mu�im Interesse der Problembew�igung in einzelne Aspekte und Bestandteile des sensomotorischen Kreisprozesses zerlegt werden. Einem solchen naiven, vorreflexiven Isolationismus der Sinne als Form interaktiver Probleml�g entspricht dann jener physiologisch-experimentelle, der durch Cassirer, Scheler, Plessner und Merleau- Ponty hinreichend kritisiert worden ist. Die hier einschl�g erfolgte Ablehnung reiz- und empfindungsspezifischer Vorstellungen, in denen der Zusammenhang zwischen Modell und Erfahrungsbasis vollst�ig aufgel�ist, kann aus diesen Befunden ihre Evidenz ableiten. Die isolationistische Betrachtungsweise der meisten wissenschaftlichen Sinnesmodelle sucht prinzipiell das gleiche Problem zu bew�igen, wie jene vorbegriffliche Semantik der f�nnesorgane: n�ich die urspr�he Unteilbarkeit sensomotorischen Erlebens operational wirksam zu reduzieren und durch Zuordnung zu handhabbaren Einheiten zu bew�igen. In der Sph� allt�ichen Fungierens sind es denn auch zwei Funktionen, und zwar 1.) die interaktive Handhabbarkeit und wechselseitigen Steuerbarkeit sensomotorischer Teilsyteme zu erm�chen, ohne die koordinierte Selektivit�im Kommunikationsproze�unm�ch w� sowie 2.) die Funktion der kommunikativen Vergemeinschaftung von Sinneserfahrungen, ohne die eine stabile Wirklichkeitskonstruktion nicht aufrechterhalten und tradiert werden kann. Die kommunikative Bezugnahme auf das Ganze der K�rerfahrung ist dabei weder m�ch noch n�. Im Kontext zeitlich und sachlich beschr�ter Kapazit�n, eines best�igen situativen Probleml�gsdrucks und der damit verbundenen differenziellen Inanspruchnahme des K�rs wirkt die sensorische Semantik hochselektiv, um angesichts der nahezu unendlichen Vielfalt der Sinneserfahrung ihre Funktion der Sinnbewirtschaftung von Handeln und Erleben erf�zu k�n. Insofern l� sich in einem sehr weiten Sinne die Verk� komplexer Erfahrungsvielfalt auf ein Sehen, H�en, F�etc. als eine interaktiv funktionale Form "abstraktiver Relevanz" (B�1965:) interpretieren. Es spricht also einiges daf�nerhalb eines wissenschaftlichen Diskurses den Glauben an die f�nne zumindest in seiner Funktion einer Uridee als epistemologischen Mythos zu verabschieden. </P> <H2 ALIGN="LEFT"><A NAME="jls7" ID="jls7">Literatur<BR> </H2> <ul> <li>Aarsleff, Hans, 1982: Condillac's Speechless Statue, in: <I>From Locke to Saussure. 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Ein Beitrag zur Grundlegung der Psychologie</I>, 2. Aufl. Berlin u.a.: Springer. <li>Welsch, Wolfgang, 1987: <I>Aisthesis. Grundz�d Perspektiven der Aristotelischen Sinneslehre</I>, Stuttgart: Klett-Cotta. <li>Welsch, Wolfgang, 1990: <I>�thetisches Denken</I>, Stuttgart: Reclam. <li>Wittgenstein, Ludwig, 1991: <I>Vorlesungen �ie Philosophie der Psychologie 1946/47</I>. Aufzeichnungen von P.T. Geach, K.J. Shah und A.C. Jackson, hg. von Peter T. Geach, Frankfurt a.M.: Suhrkamp. <li>Wittgenstein, Ludwig, 1995: Philosophische Untersuchungen, <I>Werkausgabe</I>, Bd. 1, 10. Aufl., Frankfurt a.M.: Suhrkamp. <li>Wundt, Wilhelm, [1874] 1902: <I>Grundz�r physiologischen Psychologie</I>, 5. v�g umgearbeitete Aufl., Leipzig: Engelmann. </ul> <HR> <A NAME="foot1" HREF="#footback1">1</A><B><SUP><A>#</A> </SUP></B>Dies zeigt sich �ns auch in der Vielseitigkeit des Begriffs des �thetischen, der Wahrnehmung mal als erkennend, mal als empfindend, mal die Wahrnehmungsorgane, mal die innere Anschauung betreffend auszeichnet (Welsch 1990:11).<P> <A NAME="foot2" HREF="#footback2">2</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Die �ernahme alltagsweltlicher Ordnungsschemata und die in diesen inkorporierte organologisch-isolierende Betrachtungsweise ist in wahrnehmungspsychologischen Arbeiten keine Seltenheit. Als Beispiel m� folgende Bemerkungen aus einem Standardwerk gen�"This book attempts to describe how we perceive the world through our senses - how we gather and take in information about our surroundings by seeing, hearing, smelling, tasting and touching [...] The territory of our study can be linked to a set of islands floating on the sea of life. There is a wide island of vision ... the smaller island of hearing [...] Nearby we find the broad but barely charted island of smell [...] the tiny island of taste [...] Jutting peninsulas represent the territory of touch and the skin senses" (Brown/Deffenbacher 1979:3) Die einleitende Metapher von Inseln und Bergen, deren Erklimmung ein "Sinn" aufgrund seiner spezifischen Leistung und der Wahrnehmungsschwellen mal mehr, mal weniger erm�cht, reproduziert tats�lich alle vorreflexiven Charakterisierungen des Sensorischen: a) es gibt genau f�nne, b) diese sind klar unterscheidbar und isolierbar, c) sie erm�chen die Identifikation von etwas in der Au�nwelt, d) sie sind n�h f� praktische Leben und schlie�ich e) sie lassen sich aufgrund ihrer Eigenschaften kontextfrei in einer Hierarchie klassifizieren. <P> <A NAME="foot3" HREF="#footback3">3</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Als sprachanalytisch verstehen sich auch die hier anschlie�nden Beitr� etwa von Austin (1962), Ayer (1940) und Nelkin (1987, 1990).<P> <A NAME="foot4" HREF="#footback4">4</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Alternative Vorschl� hinsichtlich der Zahl der Sinne blieben in diesem organologischen Kontext eher randst�ig. Philosophische Entw�es antiken Indien und des alten China vertraten eine Lehre der sieben �fnungen des K�rs, die die Sinne nicht durch jeweilige kognitive Leistungen, sondern durch anatomische und kosmische Eigenschaften zu bestimmen versuchte. Das <I>corpus hippocraticum</I> spricht von sieben Sinnen, die schon von Demokrit auf die Zahl f�duziert werden. Endg� bezeichnet Platon im Theaitetos-Dialog die Sinne als "Werkzeuge der Seele". In der weiteren systematischen Behandlung im Timaios-Dialog nehmen bereits Tasten und Sehen eine Sonderstellung ein (Tim. 64-65). Zur Aristotelischen Sinneslehre siehe die Studie von Welsch (1987), zeitgen�sche philosophische Versuche, Eigenschaften, Differenz- und Individuierungskriterien der Sinne zu bestimmen finden sich z.B. bei Coady (1974), Grice (1962), Leon (1988), Nelkin (1990) und Roxbee-Cox (1970). <P> <A NAME="foot5" HREF="#footback5">5</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Diese antike Deutung ging davon aus, da�ein vom Auge ausgehender Sehstrahl Wahrnehmungsgegenst�e erfa�. Was Licht verbreitet - so die entsprechende Analogie-, ist mit der F�gkeit des Sehens begabt. Entsprechend differenziert die Semantik noch nicht zwischen dem Akt des Sehens, dem Sehorgan und dem Aussehen des Wahrnehmungsgegenstandes. Deshalb betrieb die Antike die Aufkl�ng der visuellen Wahrnehmung als eine Deskription des Sichtbaren. Die Eigenschaften der Sinne gr�n anf�lich nicht im Verm� des K�rs oder des Bewu�seins. Die Idee der Messung von Wahrnehmungsschwellen, anatomischen Eigenschaften des Auges konnte es also nicht geben. Erst mit Keplers <I>Paralipomena ad Vitellionem</I> zu Beginn des 17. Jahrhunderts und dem Wissen um das durch die Linse des Auges erzeugte optisches Dispositiv auf der Netzhaut verschiebt sich der Blick auf den sehenden Menschen und dessen dann als subjektiv bezeichnete Empfindungen (Simon 1992). Mit der Abl�g der Theorie der Sehstrahlen durch jene der Lichtstrahlen, die nunmehr nicht vom Auge auf das Objekt fallen, sondern umgekehrt vom Objekt auf das Auge, um dort die Netzhaut zu reizen, ergeben sich vor allem Konsequenzen f� Erkenntnistheorie, und in der Tat korrespondierte dem Wandel der Theorie des Visuellen eine Transformation der Theorie des Wissens (Simon 1992). Siehe hier auch die aufschlu�eiche Studie von Lindberg (1987).<P> <A NAME="foot6" HREF="#footback6">6</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B><SUP> </SUP>Zur Diskussion um die "Locke-Molyneux-Hypothese" siehe Degenaar (1996), Gessinger (1994), Morgan (1977) und Paulson (1987:21ff.).<P> <A NAME="foot7" HREF="#footback7">7</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Etwa in der <I>Kritik der reinen Vernunft</I>: "Die F�gkeit (Rezeptivit�, Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenst�en affiziert werden, zu bekommen, hei� <I>Sinnlichkeit</I>. [...] Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsf�gkeit, sofern wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung." (Kant 1983a:69)<P> <A NAME="foot8" HREF="#footback8">8</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Merleau-Ponty hat die Verschr�ung der Erfahrung des eigenen K�rs mit der Erfahrung des K�rs des anderen als Fundament �upt aller Erfahrung sp�r als "intercorpor��uot; bezeichnet und seiner Ph�menologie zugrunde gelegt.<P> <A NAME="foot9" HREF="#footback9">9</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Insofern konnte Sartre davon sprechen, da�die Sinne eine "objektive Regel der Enth�" der Dinge der Welt und deshalb nicht mit Subjektivit�gleichzusetzen seien (Sartre 1993:564). <P> <A NAME="foot10" HREF="#footback10">10</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Das Moment der Gerichtetheit aller Wahrnehmung ist auch ethymologisch in den miteinander verwandten Worten "Sinn" und "Sinne" herleitbar. Das althochdeutsche Wort "sinan" bedeutet soviel wie "wohin gehen, auf etwas abzielen". Auch "sehen", das sich aus dem lateinischen "sequi" (folgen) ableitet, hei� urspr�h "mit den Augen folgen" (B�1978:133). Die in verschiedenen Verben artikulierten Sinnest�gkeiten weisen auf den Charakter des Wahrnehmens als urspr�h aktives und aufmerksames Gerichtetsein auf etwas.<P> <A NAME="foot11" HREF="#footback11">11</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Da�Kinder ein Wissen um ihren K�r, seine sensomotorischen Verm� und sein Verh�nis zu anderen, ebenfalls sensomotorisch aktiven K�rn erst langsam erwerben, ist leicht zu beobachten oder zu erinnern. Die Differenz zwischen Wahrnehmen und Wahrnehmbarkeit geh�z.B. zu solchem Wissen: das Schlie�n der Augen allein garantiert noch keine Abwesenheit.<P> <A NAME="foot12" HREF="#footback12">12</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Insofern verdanken sich alle elaborierten K�r- und Sinnesmodelle St�gsbeschreibungen, und nicht der Beobachtung von Zust�en problemlosen Funktionierens. Erst wenn das Auge gesch�gt ist, spricht man von der Netzhaut, erst wenn Geh�sigkeit auftritt vom Trommelfell. Im Anschlu�an seine �erlegungen zum Verh�nis von Ding und Medium hat Heider nicht zuletzt in methodologischer Absicht darauf aufmerksam gemacht, da�nur unter der Bedingung seiner Fehlbarkeit das Wahrnehmungssystem und seine Eigenschaften zum Gegenstand der Reflexion gemacht werden kann: "[...] nur inad�ates Wahrnehmen macht die Eigengesetze des Wahrnehmungssystems sichtbar." (1930:393)<P> <A NAME="foot13" HREF="#footback13">13</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Vermutlich spricht Kant in der transzendentalen �thetik auch deshalb davon, "[...] da�die Vorstellung der �eren Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, womit wir unser Gem�etzen" (Kant 1983a:76) <P> <A NAME="foot14" HREF="#footback14">14</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Stellvertretend f�lreiche weitere Publikationen seien stellvertretend genannt: Dretske (1983:2), Eco (1977:50), Marks (1978:2) und Scherer (1984:57).<P> <A NAME="foot15" HREF="#footback15">15</A><B><SUP><A>#</A></SUP></B> Sich gegen die cartesisch-rationalistische Epistemologie auf eine streng sensualistische Argumentation st�, hatte Condillacs <I>Essai sur l'origine des connaissances humaines</I> (1746) sowie vor allem dessen <I>Trait�es sensations</I> (1754) den ehrgeizigen Versuch unternommen, so voraussetzungslos wie m�ch die Konkurrenz der Sinne am Modell einer sprachlosen Statue aufzukl�n (Aarsleff 1982).<P> </BODY> </HTML>

