Prof. Winfried Lenders: Aufgaben und Perspektiven der Computerlinguistik
Artikel im Bonner Generalanzeiger, Sommer 1996
Texte mit dem Computer zu schreiben und dabei die automatische Silbentrennung oder eine automatische Fehlererkennung einzuschalten, ist heute für viele Benutzer eine Selbstverständlichkeit. Vor 30 Jahren aber, als man zur Unterbringung von Computern noch Säle benötigte und Texte und Programme über Lochkarten eingeben mußte, waren Silbentrennung und andere heute übliche Möglichkeiten der Textverarbeitung wissenschaftliche Probleme. Mit diesen Fragen der Anwendung des Computers auf Sprache befaßte sich schon damals das Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik der Universität Bonn, an welchem 1972 die erste Professur für Linguistische Datenverarbeitung in Deutschland eingerichtet wurde. Seitdem hat sich dieses Fach unter der aus dem Amerikanischen übernommenen Bezeichnung 'Computerlinguistik' zu einer eigenständigen Disziplin entwickelt, die an vielen deutschen Universitäten vertreten ist. Inzwischen gelten Probleme wie das der automatischen Silbentrennung als gelöst. Auch die maschinelle Strukturbeschreibung von Sätzen, also etwa die Bestimmung von Subjekt und Prädikat eines Satzes, gilt im Grundsatz als machbar. Schwieriger dagegen ist es, computerorientierte Modelle höherer sprachverarbeitender Fähigkeiten des Menschen, z.B. des Sprach- und Textverstehens, zu entwickeln, ein Thema, mit dem sich Computerlinguisten seit Jahren befassen. Neben dem generellen wissenschaftlichen Interesse an neuen Modellen gibt es hier handfeste anwendungsbezogene Anliegen, vor allem im Bereich der maschinellen Sprachübersetzung. Jahrzehntelange Forschungen haben inzwischen zu relativ preiswerten kommerziellen Systemen geführt, haben aber auch die Grenzen der maschinellen Übersetzung und Sprachverarbeitung sichtbar gemacht: mehr als Rohübersetzungen fachsprachlicher Texte wird man vom Computer wohl nicht erwarten können. Grundlage dieser Einschätzung ist die Erkenntnis, daß Sprache und Text nicht als isolierte Objekte untersucht und verarbeitet werden können, sondern daß sie immer in ihren kommunikativen Zusammenhängen gesehen werden mässen. Wichtige Themen der Computerlinguistik sind daher auch die zeichen- und handlungstheoretischen Grundlagen der sprachlichen Kommunikation sowie die kognitionswissenschaftlichen und philosophischen Fragen, bei denen es um Bedeutung, Verstehen und Verständigung geht.
Das Bonner Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik kann als Pionier auf diesen Gebieten der Verbindung datenverarbeitender Methoden mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen gelten. Schon Mitte der 60er Jahre wurden die damals verfügbaren Großrechner der Universität zur Bearbeitung von Texten angewendet, besonders zur lexikographischen Erschließung des Gesamtwerks Immanuel Kants und der Werke einiger mittelhochdeutscher Autoren. Was damals Pionierleistung war, ist heute, im Zeitalter von Multimedia und Personal Computer, weltweit üblich: Tausende von Texten vieler Sprachen liegen in elektronischer Form vor und können, wie auch das Bonner Korpus der Werke Kants, über Internet abgerufen und mit geeigneten Programmen ausgewertet werden. Diese breite Verfügbarkeit elektronisch erfaßter Texte und die vielfältigen Methoden ihrer maschinellen Auswertung haben die Geisteswissenschaften verändert: Man kann heute nicht nur die manuell aufwendige Suche nach Stichwörtern und Begriffen in einem Werk dem Computer überlassen, es liegen auch komfortable Programme vor, die die wissenschaftliche Editionsarbeit sowie die lexikographische und statistische Auswertung von Texten erleichtern, und es zeichnet sich ab, daß die explizite linguistische Beschreibung von Texten, die vielfach der Textinterpretation vorhergehen muß, durch den Computer erheblich vereinfacht werden kann. Computerlinguistik betreiben heißt aber auch, zusammen mit anderen Fächern zu grundlegenderen Fragestellungen vorzustoßen, z.B. zu der, ob und wie man den Menschen als informationsverarbeitendes System verstehen und darstellen kann.
Linguistische Datenverarbeitung bzw. Computerlinguistik kann in Bonn mit dem Ziel des Magisterexamens als Schwerpunkt des Hauptfaches Kommunikationsforschung und Phonetik oder als eigenes Nebenfach studiert werden. Zur Grundlagenausbildung gehört das Erlernen von Programmiersprachen ebenso wie die Fähigkeit, Computerprogramme für die Verarbeitung von Sprache und Text zu schreiben und anzuwenden. Anwendungsgebiete sind die nach wie vor expandierenden Bereiche der maschinellen Sprachübersetzung, der maschinellen Lexikographie, der natürlichsprachlichen Systeme und der Verfahren der Mensch-Maschine-Kommunikation. In theoretischer Hinsicht wird das Fach durch kommunikations- und sprachtheoretische Themen, in praktischer Hinsicht durch Ausbildung in Rhetorik, Argumentation und Sprechkunde ergänzt.

